Sofia - Bulgarien
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Sofia – Bulgarien
Bulgarien liegt auf der Balkanhalbinsel und das
Wort Balkan beschwört kuriose Bilder in die Ohren eines Westeuropäers.
Diejenigen, die der gleichen Generation angehören wie ich, oder die älter sind,
hatten vielleicht ihren ersten visuellen Kontakt mit diesem Land durch die Tim-und-Struppi-Alben:
Syldavia und Borduria, zwei feindlichen Länder, liegen auf dem Balkan. Es mag
sein, dass Hergé, als er diese beiden Staaten erfand, von Albanien inspiriert
wurde, aber es gibt auch Spuren der UdSSR oder faschistischer Regime.
Als
ich mit dem Bus von Thessaloniki, Griechenland, nach Sofia fuhr, sah ich
Landschaften, die aus "König Ottokars Zepter" (1939 für die
Schwarzweissversion) oder aus dem Album "Der Fall Bienlein" (1956)
stammen könnten. Auf der anderen Seite habe ich keine Bauern oder Stadtbewohner
gesehen, die in Trachten gekleidet waren, wie wir es in Tim und Struppi
sehen... schliesslich vergeht die Zeit und Sofias Jugend scheint sich im
westlichen Stil zu kleiden, wenn man das noch so sagen darf, aber der
nostalgische Tourist findet seine Ausrüstung auch in Souvenirläden.
Balkan
– Balkanisierung.
Beide Wörter implizieren oft eine negative oder sogar abwertende Konnotation.
Wir denken an "Fragmentierung" oder "Zersplitterung", und
die jüngste Geschichte hat diese Ideen am Leben erhalten. Das ehemalige
Jugoslawien ist in der Tat zerbrochen, und einige seiner Völker verstehen sich
nicht mehr als Teile des Balkans, sondern als Teil Mitteleuropas – Mitteleuropa,
ein Name, der meiner Meinung nach gleich vage ist wie "Balkan".
[Gendarmerie-Auto.]
Ist die Balkanhalbinsel slawisch? Nein, sonst
wäre Griechenland ja nicht dabei. Und Rumänien? Orthodox, wie wir uns den
Balkan vorstellen, aber lateinisch. Das Kroatien des ehemaligen Jugoslawiens
ist katholisch – liegt es jetzt in Mitteleuropa oder auf dem Balkan?
Zumindest
für Bulgarien ist es klar. Die Mehrheit von ihnen sind Slawen und Orthodoxe,
aber seit langem gibt es auch etwa 7 % Muslime und Juden. (Öffnen Sie die
Klammern: Haben Sie jemals beobachtet, dass der heutigentags verschärfte ‘Identitarismus’
uns die Existenz auf unserem Planeten versch#@sst? Und ich denke nicht nur an
Europa und seine Wahlen von 2024... auch die Israelis und Palästinenser übertreiben
auf makabre Art. Schliessen Sie die Klammern.) Bulgarien ist eine der
ältesten Nationen Europas, mit einem Staat, der im siebten Jahrhundert
entstanden ist. Der Kontakt zu Griechenland war wichtig und manchmal
konfliktreich. Während die Griechen ihnen das cyrillische Alphabet und die
christliche Religion zur Verfügung stellten, adaptierten oder übernahmen die
Bulgaren schnell eine orthodoxe Liturgie im Bulgarischen, einer slawischen
Sprache, die ihnen eine gewisse Autokephalie ermöglichte.
[Die
Rotunde, eine orthodoxe Kirche des vierten Jahrhunderts.]
[Serdika Station : alt und neu zusammen. Der Bau der U-Bahn führte zur Entdeckung archäologischer Stätten.]
Die osmanische Besatzung des Landes und des Balkans im Allgemeinen dauerte Jahrhunderte und Jahrhunderte, und Sprache und Religion trugen dazu bei, eine bestimmte kulturelle Identität zu bewahren und zu fördern. Bulgarien wurde erst 1878 wieder ein unabhängiger Staat. Nachdem der einheimische Adel im Laufe der Jahrhunderte der osmanischen Besatzung verschwunden war, sehen wir die Ankunft von Zaren mit deutschen und russischen Namen. Wenn die Führer der Ära 1878-1944 manchmal schlechte Entscheidungen für das Land trafen (während der beiden Weltkriege stand Bulgarien auf der Seite der Mittelmächte bzw. der Achsenmächte), kann man den Russen nicht nur eine dominierende Position vorwerfen, die den Sozialismus oder Kommunismus durchsetzt. Die Befreiung vom osmanischen Joch geschah auch mit ihrer Hilfe, nicht ausschliesslich mit ihrer Hilfe, und die Hilfe war sicherlich nicht uneigennützig. Sicherlich war eine Menge Hilfe, und nicht nur russische, auf dem Balkan und in der Welt interessiert. Hmmm... Ich schrieb "waren interessiert", ich hätte die Gegenwart vorgezogen, "sind interessiert".
[Russische
Kirche, 1914.]
Sofia existiert seit der Antike und es gibt
Spuren der Römer, des Byzantinischen Reiches und natürlich der Osmanen, aber es
wurde erst 1879 mit dem Erscheinen des modernen bulgarischen Staates nach dem
Russisch-Türkischen Krieg (1877 – 1878) zur Hauptstadt Bulgariens. Zur Zeit der
Unabhängigkeit hatte Sofia weniger als dreissigtausend Einwohner, heute etwa
1.300.000. Diese Tatsache erklärt sicherlich bestimmte Aspekte der
Stadtplanung, wie z. B. das Vorhandensein imposanter öffentlicher Gebäude in
der Nähe relativ einfacher Viertel oder die Gürtel von Mehrfamilienhäusern, die
alle fast gleichzeitig gebaut wurden.
[National-Theater
'Iwan Vasov', 1904]
[Links:
Präsidentschaft der Republik, rechts: Nationalversammlung]
[Nationaler
Kulturpalast, 1981 eingeweiht.]
*
Länder, die von einer langen Diktatur zu einem
demokratischen Regime übergegangen sind, neigen oft dazu, die Spuren der
Schmach aus ihrer Landschaft zu tilgen. In Spanien wurden Statuen des Generals
und Diktators Franco entfernt, in Brasilien haben Brücken ihre Namen verloren,
wenn diese von Diktatoren kamen, und Museen bekamen Namen von Opfern der
Unterdrückung, wie das Museu Nacional Honestino Guimarães in Brasilia.
Diese Initiativen provozieren Diskussionen, so dass man sich fragt, ob es
wirklich eine gute Idee ist, Spuren der Geschichte zu beseitigen, die
Erinnerung auszulöschen, indem man die Namen von Strassen, Brücken, Statuen
usw. ändert. Den Namen des Ortes zu ändern, scheint mir eine gute Option zu
sein, denn ich möchte nicht in der Rua Emílio G. Medici oder in der Le
Pen Strasse wohnen wollen... na ja, Le Pen Sackgasse könnte zur Not
geeignet sein.
[Teil einer
Statue ohne Typenschild, wahrscheinlich von Lyubomir Dalchev, Pozitano Strasse, Sofia.]
In Sofia hat
der Übergang zur Demokratie dazu geführt, dass Kunstwerke wie Statuen oder
Gemälde von ihren ersten Orten zurückgezogen wurden, sicherlich wegen des zu
starken ideologischen Inhaltes, auch wenn man diesen Werken auf technischer und
kreativer Ebene den Status von Kunst nicht absprechen konnte.
[Denkmal für
die sowjetische Armee, 1954, wird jetzt abgebaut, Sofia.]
Das Denkmal für die Soldaten der Sowjetarmee,
das derzeit abgebaut wird, scheint ein gutes Beispiel zu sein, um das
ideologische Klima zu diesem Thema zu veranschaulichen. Als die Behörden
beschlossen, diese Reihe von Statuen und Flachreliefs abzubauen, protestierten
einige Russophile gegen die Entfernung dieses Denkmals. Die Entscheidungsträger
argumentierten, dass die Fundamente dieser Strukturen nicht mehr solide seien
und die Integrität der Spaziergänger durch einen unerwarteten Sturz gefährden
würden. Ich vermute, dass es nicht darum ging, das Klima zu beruhigen, als ein
Politiker sagte, dass diese Werke in das Museum für sozialistische Kunst
überführt würden und dass das Museum
der richtige Ort für alles Sozialistische sei. Als wir dorthin gingen, war das
Museum wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. So konnten wir die
sozialistischen Bilder nicht sehen, aber der Park, in dem die Statuen aufgestellt
sind, war für die Öffentlichkeit zugänglich. Die folgende Diashow gibt einen
kleinen Überblick über den Bestand, einige der Fotos wurden im Infrarotlicht
aufgenommen. Der rote Stern der ersten beiden Fotos befand sich ursprünglich
auf dem Dach des Parteihauses, der heutigen Nationalversammlung (siehe
Foto oben).
*
Unter den religiösen Gebäuden ist ein Besuch der
zum UNESCO-Weltkulturerben gehörenden Kirche von Bojana sehr zu empfehlen. Der
Bau stammt aus dem zehnten Jahrhundert. Leider ist es verboten, im Inneren zu
fotografieren, was mich daran hindert, einen Überblick über die Fresken, die
hauptsächlich aus dem dreizehnten Jahrhundert stammen, zu geben. Tatsächlich
handelt es sich um eine Schicht von Fresken über der anderen. Anders gesagt,
Künstler respektieren nicht immer die Werke derer, die vor ihnen kreierten.
[Sofia,
Kirche von Bojana, X. Jahrhundert]
Um andere Aspekte der Religiosität
kennenzulernen, ohne Sofia zu verlassen, besteht die Möglichkeit, die Grosse
Moschee von Sofia zu besuchen, die aus dem sechzehnten Jahrhundert, also
aus der osmanischen Zeit, stammt. Die sephardische Synagoge von Sofia ist auch
für die Öffentlichkeit zugänglich, sie wurde zu Beginn des zwanzigsten
Jahrhunderts erbaut.
[Grosse Moschee von Sofia, Aussenansicht, sechzehntes Jahrhundert.]
[Grosse
Moschee von Sofia, Innenansicht, sechzehntes Jahrhundert.]
[Synagoge,
Aussenansicht, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, Sofia]
[Synagoge,
Innenansicht, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, Sofia]
Das Rila-Kloster, ebenfalls ein
UNESCO-Weltkulturerbe, liegt etwa zwei Stunden von Sofia entfernt. Das Kloster
ist noch in Betrieb und kann besichtigt werden. Wenn die Anfänge des religiösen
Gebäudekomlexes bis ins zehnte Jahrhundert zurückreichen, so hinterliess auch
das neunzehnte Jahrhundert seine Spuren, da ein Brand Restaurierungsarbeiten
erforderlich gemacht hatte.
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