Goiânia Art Déco
Páginas especiais > Viagem
Goiânia, gepflegter Art-Déco, vernachlässigter Art-Déco

Museum Frei Confaloni, ehemaliger Bahnhof (1950)
Etwa zweihundert Kilometer von Brasilia entfernt, Brasiliens Hauptstadt, die 1960 eingeweiht wurde, befindet sich eine weitere Hauptstadt, die das Ergebnis eines politischen Willens ist, bestimmte Regionen in Brasilien zu integrieren, ein Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung auch heute noch relativ nahe an der Atlantikküste lebt. Wir sprechen hier von Goiânia, der Hauptstadt des Bundesstaates Goiás, gegründet 1933 als Nachfolgerin von Goiás (heute Goiás Velho oder Stadt Goiás). In diesem Zusammenhang gehört Goiânia zu jenen Städten, die schnell durch sehr präzise städtische Projekte entstanden sind. Wenn wir uns auf den Setor Cental und Sul von Goiânia beschränken, sind die städtischen und architektonischen Eigenschaften im Wesentlichen Attílio Corrêa Lima (oder Atílio Correia Lima, 1901–1943) zu verdanken.

Geografisches und Historisches Institut von Goiás.

"Bürgerplatz" - Musikpavillon 1942.
Das historische Zentrum besteht aus dem Praça Cívica (Bürgerplatz) dessen offizielle Bezeichnung Praça Doutor Pedro Ludovico Teixeira lautet. Dies ist eine Hommage an den Politiker, der für die Schaffung der neuen Hauptstadt von Goiás verantwortlich war. Rund um diesen Platz finden wir viele öffentliche Gebäude, die grösstenteils aus den 1930er bis 1940er Jahren stammen. Der Platz wird von einer kleinen Ringstrasse begrenzt, und es gibt Strassen und Alleen, die in alle Richtungen daraus ausgehen. Die Avenidas Araguaia, Goiás und Tocantins sind zweifellos die wichtigsten für alle, die den Art-Déco-Architekturstil der Stadt verstehen möchten. Vergessen wir jedoch nicht die Anhanguera-Allee, die Goiânia und den Zentralsektor durchquert und die drei bereits genannten Alleen durchschneidet. Der folgende Stadtplan1 zeigt die geografische Verteilung der markantesten Art-Déco-Gebäude in der Stadt.

Palácio das Esmeraldas vor einem Administrationsgebäude.


Polizeihauptquartier, heute Generalsekretariat des Staates Goiás,
Die Bezeichnung Art Déco ist von der Ausstellung Exposition internationale des arts décoratifs industriels modernes abgeleitet, ein Ereignis, das im Jahr 1925 in Paris stadtfand. Obwohl der Begriff Art Déco stark verbreitet ist, scheint er in der Kunstgeschichte immer noch ein Konzept oder Stil zu sein, der nicht sehr gut etabliert ist. S. Farthings in Tudo sobre arte2 erwähnt unter anderem Jugendstil (1890–1914) und Bauhaus (1919–1933), aber nicht Art Déco. Es ist auch erwähnenswert, dass der Höhepunkt des Art Déco zwischen 1920 und 1940 liegt, zumindest in Europa, in den Vereinigten Staaten (z. B. Miami) und in Goiânia gibt es Werke aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Architektur und aus französischer Sicht wird Art Déco üblicherweise in zwei Strömungen unterteilt:

Polizeistation, 1937 eingeweiht, heute Sitz des IPHAN (Nationales Institut für historisches eun künstlerisches Erben)
▪ Modernes Zickzack: strenge geometrische Formen, Vertikalität, Symmetrie und Balance (im Jugendstil nicht vorhanden);
▪ Aerodynamischer Art Deco: eine gewisse Horizontalität in den Gebäuden, abgerundete Ecken.

IPHAN, inneres Treppenhaus.
Diese Unterscheidungen können sich unterschiedlich äussern, je nachdem, ob wir es mit einer institutionellen Architektur (öffentliche Gebäude) oder Gebäuden im privaten Bereich zu tun haben. Meiner Ansicht nach spiegelt sich diese letzte Unterscheidung in Goiânia durch einen bewahrten Art-Déco und einen vernachlässigten Art-Déco wider.
Bewahrter Art Déco

Generalsekretariat, 1937, eingeweiht 1942.
Wenn eine neue Stadt in einem nahezu unbewohnten geografischen Raum gegründet wird, manifestieren sich städtische, administrative und andere Bedürfnisse schnell, um den neuen Bewohnern Lebensbedingungen zu bieten, die über ihre individuellen Wohnsitze hinausgehen. Eine Stadt, noch mehr eine Hauptstadt, braucht Gebäude für Verwaltung, für Justiz, für Ausbildung; Reisende möchten irgendwo bleiben, und Freizeit muss ebenfalls einen bestimmten Raum im städtischen Gefüge haben.

Forum und Gerichtshof, 1930er Jahre, wird später Sitz des Kultursekretariats.
Heute, in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts, gibt es mehr oder weniger zwanzig auf nationaler Ebene denkmalgeschützte Objekte im Zentralsektor von Goiânia, und bestimmte Gebäude wurden nur vom Staat Goiás geschützt. Der Grossteil dieser Kultursammlung besteht aus Gebäuden, die aus institutioneller Berufung errichtet wurden; der Regionale Gerichtshof wurde 1937 eingeweiht, der Bau des Palácio das Esmeraldas (Residenz des Staatsgouverneurs) stammt aus dem Jahr 1933. Der Bahnhof, heute das Frei Confaloni Museum, wurde 1950 eingeweiht und ist vielleicht das letzte offizielle Art-Déco-Gebäude, obwohl die Pfarrei St. Don Bosco, die 1955 eingeweiht wurde, noch immer dem Art-Déco-Stil nahekommt.

Wohnsitz von Pedro Ludovico Teixeira, 1937. Museum seit 1987.
Vernachlässigter Art-Déco

Halb versteckte Art Déco.
Der Ausdruck 'vernachlässigter Art-Déco' bezieht sich hier auf eine Vielzahl von Gebäuden, Einzelhäusern, Geschäften, Industriegebäude, Hotels oder Büros, die nicht vom Schutz der IPHAN (Instituto do Patrimônio Histórico e Artístico Nacional, offizieller brasilianischer Denkmahlschutz) oder Art-Déco-Liebhaber profitieren. Tatsächlich hat sich neben dem öffentlichen Sektor auch Goiânias private Sphäre entwickelt, doch Geschmäcke, materielle Zivilisation und Objektive verändern sich im Laufe der Zeit. Man muss einige Privathäuser abreissen, um die nötigen Parkplätze für die Autos zu bekommen, ein zehnstöckiges Gebäude ist profitabler als ein zweistöckiges. Und was bleibt, wird anders benutzt, der Handel braucht Sichtbarkeit. Art-Déco-Fassaden bieten den Geschäften keine Sichtbarkeit. Fassaden mit grossen Plakaten aus Acrylplatten oder Planen hingegen schon. Also stellt man ein Eisen- oder Aluminiumskelett vor die Art-Déco-Fassaden, um die externen visuellen Kommunikationstafeln zu erhalten, das dient dem Handel... aber nicht unbedingt der Ästhetik der Stadt.

Vernachlässigte Art Déco.

Setor Sul: ein vergessenes Haus.
Die Frage, ob man ein städtisches Erbe bewahren soll, ob man ein kulturelles Erbe bewahren soll, ist heikel, weil es darum geht, zu entscheiden, welche Werke erhalten werden sollte und welche nicht. Wie viele prächtige Paläste, die von tausenden von Touristen bewundert wurden, nahmen in der Vergangenheit den Platz ein, in dem andere ebenso bewundernswerte Gebäude gestanden haben? In Paris gibt es mindestens zwei Beispiele, die den Willen einer Ära veranschaulichen, die sich durchzusetzen: der Eiffelturm, erbaut für die Weltausstellung von 1889, und der Kulturkomplex Centre Georges Pompidou, der 1977 eingeweiht wurde und inzwischen für Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Beide Werke wurden früher stark kritisiert, bevor sie akzeptiert wurden, sodass der Eiffelturm nach der Ausstellung 1889 nicht wie ursprünglich geplant abgebaut wurde. Das Centre Georges Pompidou wurde mitten im Stadtzentrum errichtet und war als eine Angriff auf ein altes Viertel empfunden, es hat sich aber integriert und ist heute ein Bestandteil der Pariser Stadtlandschaft.

Vergessene Art Déco, Kontrast bildend mit neueren Gebäuden.
In Goiânia und in der Kategorie des vernachlässigten Art-Déco stehen wir leider nicht vor einer politischen Geste, die den Willen hätte, neue kulturelle und ästhetische Standards zu bekräftigen; es ist das tägliche Leben, es ist der Pragmatismus, der den Zentralsektor allmählich entstellt. Die öffentlichen Behörden ihrerseits tragen ihren Teil zur Bewahrung des Art-Déco-Erbes bei, aber sie scheinen weder die Mittel noch den Willen zu haben, den ursprüngliche Charakter des historischen Zentrums zu bewahren. Das praktische Ergebnis ist, dass die zeitgenössischsten Prestigearchitekturen, wie das Oscar Niemeyer Cultural Center, ausserhalb des Zentrums liegt.

Ein Art Déco Hotel versucht zu überleben.
Fazit

Place in der nähe von der Vila Cultural Cora Coralina und des Teatro Goiânia.
Es gibt keine klare Schlussfolgerung, wir liefern nur einige Beobachtungen. Auf dem amerikanischen Kontinent verlassen die Mittel- oder Oberschicht das historische Stadtzentrum leichter als in Europa. Dies provoziert nicht zwangsläufig eine Opposition zwischen 'verlassenem Zentrum’ und ‘geschätzter Peripherie', fördert aber das Entstehen neuer geschätzter Viertel, die das Ansehen des alten Zentrums mindern können. Wir hoffen, dass es sich im Fall des Zentralsektors von Goiânia einfach um ein Dornröschenschlaf handelt und dass der Märchenprinz (vielleicht Tourismus, vielleicht eine kulturelle Elite) es entdeckt, um ihr den befreienden Kuss gibt.

Fern vom Zentrum: Centro Cultural Oscar Niemeyer.
*
Hier folgen noch einige Fotogalerien:
1. Rund um den Bürgerplatz, Praça Cívica:
2. Strassen und Plätze:
3. Monumente usw.
4, Einige Details:
5. Innenräume
6. Strassenkuns, das Meiste kommt vom 'Beco da Codorna':
*
1 Ich möchte Gutto Lemes (++ 55 62 – 99943 3338), einem Reiseführer von ONYGON, für die Genehmigung zur Nutzung der Karte danken.
2 Da der vorliegende Text keine akademische Berufung hat, erscheinen hier nur zwei bibliografische Quellen, eine zu Kunst im Allgemeinen und eine zu Art Déco in Goiânia:
▪ FARTHING, S. Tudo sobre arte. Rio de Janeiro: GMT Editores Ltda, 2010. [Übersetzt aus dem Englischen]
▪ UNES, W. Identidade art déco de Goiânia. Goiânia: Instituto Casa Brasil de Cultura, 2008.